Bist du sicher?

Stefan Zweig, Quelle Wikipedia

Gerade höre ich von Stefan Zweig „Gestern – Erinnerungen eines Europäers“. Nach einer sehr behüteten Kindheit in Wien lebte er als Student in Paris in einem Provisorium. Nie hatte er sich in der Wohnung richtig eingerichtet. Dadurch fiel es ihm später im Exil leichter als anderen, immer wieder alles zurück zu lassen. An verschiedensten Orten kam er nur mit dem Nötigsten – einen Koffer – aus. Er war weder an Besitz noch Wohnort gebunden. Seine Stabilität bezog er über Werte, Wissen, seinem Können und guten Beziehungen – darauf konnte er sich verlassen. Und das machte ihn sicher – selbst in äußerst unsicheren, instabilen Zeiten. Heute würde man von hoher Resilienz sprechen angesichts dessen was er alles erlebt hat: Jahrhunderte lange Traditionen im Kaiserreich, zwei Weltkriege und die Verfolgung der Juden. Er selbst war als Jude geflüchtet.

Was für ein Gegensatz zu uns!

Nie waren wir von Äußerlichkeiten so abhängig wie heute. Worauf legen wir wert? Werte-Gegenpole wie Kirche, Religion und Traditionen sind rückläufig bzw. finden nicht mehr statt. Bei vielen steht an erster Stelle: Ein sicheres Einkommen und Besitz, ein sicherer Job, eine sichere Beziehung, ein sicherer Wagen etc. Im Nachkriegs-Deutschland wurden wir in eine Gesellschaft hinein geboren die auf diese Art von Sicherheit – meist eine äußere Sicherheit – sehr viel wert legt. Ob das in diesem Ausmaß länger sinnvoll und auch nötig ist wird selten hinterfragt.

Wofür ist Sicherheit gut?

Sie gibt unserem Leben Stabilität. Sie macht unser Leben kontrollierbar und berechenbar. Zuviel Sicherheitsdenken engt uns allerdings ein, wir wagen zu wenig und leben unser Potential nicht. Stellt sich die Frage: Wieviel Sicherheit brauchen wir wirklich? Mir hilft hier das Bild des Fußballers: Er hat ein Standbein und ein Spielbein. Beides ist gleich wichtig! Würde er mit beiden Beinen auf der Stelle stehen bleiben, wäre er nicht Teil des Spiels! So ist es auch bei uns: Damit wir am Spiel des Lebens wirklich sinnvoll teilnehmen können brauchen wir einerseits eine sichere Basis – damit wir andererseits ausprobieren können. Damit wir aktiv und flexibel sein können je nach Bedürfnissen und Situation.

 

Wenn sich die Welt verändert..

Welche Alternative haben wir? Hier landen wir wieder bei Stefan Zweig: Die eigenen Bedürfnisse und Werte zu erforschen, die eigene Definition von Erfolg im Leben zu formulieren und danach zu leben gibt uns die Orientierung und Stabilität die wir in bewegten Zeiten brauchen. Wenn wir uns um unsere Ängste kümmern können wir uns trennen von vermeintlicher Sicherheit die niemand garantieren kann. Das allein hat Gültigkeit über den Moment hinaus, gibt uns ein Fundament und zeigt uns einen Weg durch eine schnelle und komplexe Welt die uns täglich mit Informationen und Reizen überflutet und irritiert. Diese innere Unabhängigkeit gibt uns Sicherheit im Umgang mit Situationen und Menschen, gibt uns eine Richtschnur für unser Handeln. Lässt uns agieren anstelle zu reagieren. Macht uns stabil.

Viele Wege führen nach Rom..

Ergründet können die eigenen inneren Werte auf verschiedene Weise. Zum einen gibt es reaktive Möglichkeiten: Ein gutes Indiz ist eine Enttäuschung – sie weist darauf hin, was uns wirklich wichtig ist indem es uns versagt bleibt. Ebenso ist es mit Sehnsüchten und Bewunderung: Sie zeigen uns, was wir gerne leben würden, wer wir gerne sein möchten. Auch Krankheiten sind wertvolle Hinweisgeber und können zu Besinnung und in der Folge zu einem Paradigmenwechsel führen. Möchte man das Thema Werte aktiv angehen, gibt es auch viele Möglichkeiten, zum Beispiel: Literatur, Filme, Kunst, Meditation, Rückzug in die Stille, Spiritualität, Reisen, Auszeiten, Sabbatical, Idealbilder und Visionen. Dort können wir uns jenseits von Rollen und Funktionieren kennenlernen, können reflektieren und dürfen einfach nur sein. Und natürlich ist es möglich sich in Coachings auf die Schliche zu kommen: Gerade für die berufliche Selbstständigkeit ist Klarheit über die eigenen Lebensziele und Werte ein notwendiges Fundament.

 

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