Mutter und Selbstständige

Selbstständig als Mutter

Eine Mutter auf den Weg in die Selbstständigkeit

Viele Mütter sehen in der Selbstständigkeit vor allem eine Möglichkeit zeitlich flexibler und räumlich unabhängig zu sein. Oft trifft das zu. Doch die Selbstständigkeit bringt eigene Herausforderungen mit sich. Der Wechsel von einem festen berechenbaren Rahmen hin zur Selbstverwaltung kann sehr neu und fordernd sein. Andererseits gibt es viele Möglichkeiten, Chancen und Freiräume! Gina Roberts-Reisch gibt Einblick über ihren Weg vom Angestelltendasein zur selbstständigen systemischen Beraterin.

Stell Dich und Dein Business kurz vor (wie viele Kinder Du hast, in welchem Alter sie sind und was Du beruflich machst).

Mein Name ist Gina Roberts-Reisch- mein doppelter Nachname spiegelt mein Leben wieder. Als gebürtige Britin lebe ich seit 2001 in Deutschland mit meinem deutsch-amerikanischen Mann. Ich bin die ‚Mummy‘ von Leo, der dreieinhalb Jahre alt ist.

Ich habe mich im April 2015 als systemische Beraterin für Einzelpersonen, Paaren und Familien in München selbstständig gemacht. Als systemische Beraterin unterstütze ich meine Klienten in diversen Lebensbereichen, z.B. im Beruf, in der Partnerschaft oder in der Familie. In der Beratung kann es um die Überwindung von Konflikten, die eigene Persönlichkeitsentwicklung oder die Bewältigung von schwierigen Phasen im Leben gehen. ‚Systemisch‘ zu arbeiten bedeutet, dass ich den Klienten einlade, sein Problem oder Thema in Bezug auf die anderen Menschen in seinem sozialen Umfeld zu sehen und aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Ab der ersten Beratungsstunde bei mir beginnen die Klienten ein neues Verständnis für ihr Problem zu entwickeln, alternative Lösungsmöglichkeiten und eine Sensibilität für typische Muster in ihren Beziehungen zu finden.

Aufgrund meines persönlichen Hintergrunds arbeite ich viel mit sogenannten ‚Expats‘, internationalen Bürgern, in München und berate auch zu interkulturellen Themen, wie bi-nationale Partnerschaften, multi-kulturelle Familien oder die Integration in einem neuen Land. Ich habe viel Verständnis für die Herausforderungen, Emotionen und Gedanken, die einen als Ausländer in Deutschland beschäftigen. Ich berate auf Deutsch und auf Englisch und habe auch Klienten, die nicht zwangsläufig etwas mit dem Ausland zu tun haben müssen 🙂 

Was hast Du vor der Kinderära beruflich gemacht?

Ich habe fast 10 Jahre im Personalwesen, in der Personalentwicklung und in der Personalberatung bei einem DAX-30 Unternehmen verbracht. In diese Zeit habe ich tolle Leute kennengelernt, viele davon sind zu guten Freunden geworden. Ich habe in der Zeit fachlich und persönlich sehr viel gelernt und hatte viele Schnittstellen zu unterschiedlichen Abteilungen. Zwei Highlights waren ein internationaler Einsatz in den USA für 8 Monate, sowie die Arbeit an einem Sonderprojekt im Rahmen eines Förderprogramms für Personaler mit Kollegen aus anderen Geschäftsgebieten. 

Wie hat das Mutter-Sein Deine berufliche Situation verändert?

Die neue Rolle und auch der Abstand vom Büroalltag waren eine gute Gelegenheit, um meine Lebensprioritäten zu überprüfen. Ich hatte mit dieser Reflexion schon begonnen als ich und mein Mann uns entschieden habe eine Familie zu gründen. 

Mit der Mutterschaft und den Gedanken über meine berufliche Rückkehr hat eine innerliche Abgrenzung stattgefunden und ich habe beschlossen mein Privatleben meinem Job viel seltener unterzuordnen als vorher. 

Der Wechsel von Vollzeit in Teilzeit war eine große Umstellung für mich. Ich habe versucht, noch effizienter und produktiver in Teilzeit zu sein, weil ich eine spannende und auch anspruchsvolle Aufgabe bekommen hatte. Ich habe mich über die Chance gefreut und war mit den Ergebnissen im ersten Jahr sehr zufrieden. Aber der Weg dorthin, hat sich für mich nicht gut angefühlt. Um das Arbeitsergebnis zu schaffen, war mein Fokus in der Arbeit zu sehr auf der Sachebene. Ich hatte zu wenig Zeit meine Beziehungen zu den Kollegen an einem neuen Standort aufzubauen und zu pflegen. Letztendlich war mir klar, dass ich in Teilzeit nicht auf jeder Hochzeit tanzen kann, aber manchmal hat es trotzdem wehgetan, weil ich gefühlt auf viel verzichten musste. 

Wie bist Du auf die Businessidee gekommen?

In der Elternzeit habe ich über meine berufliche Zukunft reflektiert und bin zum Schluss gekommen, dass ich am glücklichsten im Beruf war, als ich Beratungsgespräche mit Führungskräften und Mitarbeitern durchgeführt habe. Vier Monate nach meiner Rückkehr in Teilzeit habe ich eine zweijährige berufsbegleitende Weiterbildung zur systemischen Beraterin bei Münchener Institut für systemische Weiterbildung begonnen.

Im Rahmen der Weiterbildung habe ich Klienten nebenberuflich beraten. Es hat mir so gut gefallen, dass ich mir nach dem ersten Jahr der Weiterbildung mehr Zeit für die Beratung gewünscht habe. 15 Monate nach der Rückkehr in Teilzeit habe ich ein weiteres Jahr Elternzeit beantragt, weil ich gemerkt habe, dass ein 2 jähriges Kind, ein anspruchsvoller Teilzeit Job und die Weiterbildung sehr viel gleichzeitig war und viele Dinge zu kammen. In diesem Jahr habe ich meine Geschäftsidee entwickelt, gemeinsam mit einer Webagentur meine Homepage gestaltet und mich gründlich über das Thema Existenzgründung informiert. 

Bist du mit Deiner jetzigen Familien- und Berufssituation zufrieden?

Ich bin mit der Flexibilität und Selbstbestimmtheit sehr zufrieden. Mir gefällt es, selber zu entscheiden, welche Ziele ich für mich setzen möchte und wie ich diese erreichen möchte.

Ich vermisse das feste Einkommen am Ende des Monats und die anderen materiellen Vorteile, die das Unternehmen mir geboten hat. Aber unter dem Strich waren, dass nicht genügend Gründe, um dort langfristig zu bleiben. 

Es bleibt weiterhin eine Herausforderung, mich um berufliche Themen zu kümmern, während mein Sohn krank ist. Der Kunde hat Erwartungen an mich als Selbstständiger, ähnlich wie früher der Chef an mich als Angestellte. Es ist mir wichtig dem Kunden eine gute Beratungsleistung zu bieten. Keiner arbeitet in einem Vakuum, auch nicht als Freiberufler, obwohl der mehr Flexibilität hat. Aber unter dem Strich bin ich gelassener geworden. Es ist spannend zu sehen, welche Herausforderung in dem Balance-Akt zwischen Familie und Beruf die gleichen geblieben sind, egal ob man selbstständig oder festangestellt ist! 

Wie sieht Dein Alltag aus?

Als freiberufliche Beraterin ist jeder Tag anders und das finde ich spannend! Ein typischer Arbeitstag könnte so aussehen: Beratungstermine mit Klienten in der Gemeinschaftspraxis am Stachus, Networking Veranstaltung oder ein Vortrag vormittags oder Abends, gemeinsames Mittagessen mit einem Kollege, Bekannte oder Freund und irgendwo dazwischen Mails, Telefonate und Büroarbeit von zu Hause. Ab und zu Mal gehe ich zu einem Co-working Arbeitsplatz ‚Allynet‘ in der Nähe von Hauptbahnhof z.B. wenn ich an etwas Konzeptionelles arbeiten möchte. Nachmittags hole ich meinen Sohn vom Kindergarten ab und wir gehen entweder zum Musikunterricht, zum Spielplatz oder besuchen eine Freundin mit Kindern, je nach dem. 

Gibt es ein Erfolgsrezept? Hast Du Tipps für Mamis, die sich überlegen, selbständig zu werden?

Jeder Weg in die Selbstständigkeit ist anders, es gibt kein universelles Erfolgsrezept. Was mir viel Kraft gegeben hat und Mut gemacht hat, war deiner Gruppe für Gründerinnen, die sich 6 mal über einen festgelegten Zeitraum trifft und sich gegenseitig austauscht und Feedback gibt. Außerdem habe ich auch eine ‚Tandem Partnerin‘, die Expertin für gewaltfreie Kommunikation ist. Die regelmäßige Telefonate mit ihr sind aufbauend und motivieren mich. 

Was sind Deine berufliche Pläne?

Ich habe so viele Pläne, dass mein Kopf manchmal ganz schön voll ist 🙂 

Ich möchte eine Fortbildung machen, z.B. zum systemischen Therapeut oder im Bereich Prävention, z.B. betriebliches Gesundheitsmanagement. Das wird mir helfen, meine Schwerpunkte in der Beratung und Therapie weiter zu konkretisieren. Ich möchte mein Beratungsangebot für Firmenkunden erweitern. Ich habe vor, ein Angebot für Gruppen mit internationalen Teilnehmern zu entwickeln und anzubieten. Ich kann es mir gemeinsam mit einem Kollegen / Kooperationspartner aus der Branche am besten vorstellen.

Vielen Dank Gina – und viel Erfolg!

Netzwerke für selbstständige Mütter

Als Mutter und gleichzeitig Selbstständige steht man gleich mehrfach Herausforderungen gegenüber: Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf steht hier im Vordergrund. Völlig zurecht gibt es daher spezielle Netzwerke. Eines ist zum Beispiel die Facebook-Gruppe Mompreneurs. Dort helfen sich die Mütter gegenseitig mit Tipps und Tricks, stellen ihre Geschäftsideen vor, suchen tatkräftige Unterstützung bei Problemen, holen sich Feedback für ihr Vorhaben und gehen Tauschgeschäfte ein. Um Fokus, Mehrwert und Erwartungen für die Gruppenmitglieder zu gewährleisten, gibt es Gruppen-Regeln:

– Fokus und Mehrwert für alle
– Gegenseitige Unterstützung, Tipps und Erfahrungsaustausch
– Wertschätzender Umgang miteinander